russisch lernen

Auftragsvergabe in Russland

Dank meiner etlichen Freunde hier in Russland konnte ich mal wieder erneut feststellen, dass hier anders gearbeitet wird – damit will ich nicht sagen weniger oder schlechter, ich spiele eher auf den Fakt an, das Dienstleistungen die man nicht selber leisten kann, auf ganz spezielle Art und Weise ausgegliedert werden.

Nehmen wir einmal an ich brauche einen Fotografen, wer einen guten kennt wird sicher zu erst genau diesen kontaktieren. Interessanter wird es aber, wenn ich auf einen professionellen Fotografen angewiesen bin und keinen zur Hand habe. In diesem Falle würde ich die gelben Seiten aufschlagen oder einfach ein Fotofachgeschäft aufsuchen, vielleicht auch neuerdings noch eine Internetrecherche nach einem Fotografen in meiner Nähe machen.

Arbeiten in Moskau

In Moskau konnte ich dagegen regelmässig ein anderes Verhalten beobachten. Die Suche laeuft immer ueber die Kontakte die man hat, wer also selber keinen Fotografen kennt, telefoniert ersteinmal im Freundeskreis rum, dann telefonieren die Freunde mit deren Freunden, deren Freunde mit ihren Freunden … und was soll ich sagen, die Suche nach einem Fotografen kann schon mal 2-3 Wochen in Anspruch nehmen, aber hinterher hat man einen gefunden den man irgendwie über drei Ecken kennt.

Die Vertrauensbasis ist groesser (was die Sache sympathisch macht), aber dies bedeutet nicht unbedingt, dass die Qualitaet der Fotos auch wirklich gut ist – aber zumindest hat man sein Geld nicht irgendjemandem gegeben.

Ich weiss nicht ob jemand von euch aehnliche Erfahrungen gesammelt hat, mir jedenfalls ist es ins Auge gesprungen, ganz egal um welche Person es sich handelt Klempner, Programmierer, Mechaniker – es scheint sehr oft nach diesem Schema zu laufen – was manchmal sehr zeitaufwendig ist.

Obwohl man die Fotos sofort braucht, vergehen schnell mal 3-4 Wochen bevor etwas passiert – mich würde das dauerhaft in den Wahnsinn treiben, so kommt man doch viel zu langsam mit der Arbeit voran.

Auf der anderen Seite hat und pflegt man so viel mehr Kontakte.

(siehe auch: Willkommenslied für Deutsche in Moskau)

Kommentare
8. Juli 2011

Hallo Chris,

ja, das ist typisch für Russland.

wie Du auch geschrieben hast, ist die gute Seite daran die Kommunikation mit Menschen aus dem Verwandten- Freundes- und Bekanntenkreis und man vergrößert und pflegt so sein Netzwerk.

Aber ich erlebte Situationen, in denen ich mich, mit dem Bedürfnis nach Qualität (oder nach schneller Erledigung) schon zu helfen wusste, eine(n) Professionelle(n) zu finden, aber die Freunden/der Freund schon jemand wusste. Da kommt man manchmal ganz schön unter Druck. Wenn man den Bekannten Frickler nicht nehmen will, ist die Freundin beleidigt oder man steht als Verräter da und sie ist empört. Das kann noch unangenehm werden, wenn man jener Person später begegnet, wo die Freundin der schon das Vergehen (Ignoranz) erzählt hat.

Und so funktioniert das auch unter den Deutschrussen in Berlin (oder jeder anderen deutschen Stadt). – Für wen ist es nun ein Nachteil, dass die Migranten es unter sich ausmachen :-) Das Gemeinsame, Verbindende ist die Herkunft aus Russland; ich mutmaße, dass insofern der relevante Kreis vielleicht noch mehr über den Verwandten- und Freundeskreis hinausgeht. Naja, das ist Spekulation.

Dazu kommt noch ein erhebliches Maß an Skepsis gegenüber Fachleuten als Grund, unter den eigenen Bekannten zu suchen: Korruption!! Man ist es gewohnt, dass sich Menschen Posten und Titel erkaufen (müssen). Meine Freundin war sehr allergisch gegen Uni-Professoren. Eine andere frühere Freundin musste sich 1.000 € zusammenraffen, um einen Termin zur Verteidigung Ihrer Doktorarbeit vor einem Kollegium zu bekommen – damit sie selbst Professorin werden konnte (Uni in St. Petersburg)

Zertifikate zählen also nicht viel in Russland unter der Bevölkerung. Bei uns in Deutschland haben sie einen höheren Stellenwert. – Man schaue sich um im deutschen Web – überall Zertifikate :-)

archimedes
1. August 2011

wollte nur mal sagen:
toller blog, mit sehr viel mühe gemacht!!! danke dafür!

Klaid
13. September 2011

Hi Leute!

Kennt ihr euch mit dem Thema “откат” aus? oder soll ich es erklären? (eine Art von Schmiergeld, aba nicht ganz)

Interessant ist, ob es in Deutschland auch so funktioniert…